Betreuungsoffensive für mehr Erzieherinnen und Erzieher

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In der Kita Wilhadi in Walle werden insgesamt 80 Kinder betreut. Dennoch reicht der Platz nicht für alle aus: Vielen Eltern musste die Kita-Leitung nach eigenen Angaben absagen.

In der Kita Wilhadi in Walle werden insgesamt 80 Kinder betreut. Dennoch reicht der Platz nicht für alle aus: Vielen Eltern musste die Kita-Leitung nach eigenen Angaben absagen. (Christina Kuhaupt)

Nicht nur an Bremer Schulen, auch in den Kitas bleibt der Fachkräftemangel ein Problem. Deshalb fordert der Leiter des Landesverbandes der Evangelischen Tageseinrichtungen, Carsten Schlepper, eine deutliche Erhöhung der Ausbildungsplätze für Erzieherinnen und Erzieher in Bremen. „Wir brauchen einen Ausbildungsoffensive.“ Mit dem steigenden Bedarf an Betreuungsplätzen sei es nötig, dass in ganz Bremen und trägerübergreifend das Ausbildungskontingent auf mindestens 700 Plätze erhöht werde.

Aktuell werden in Bremen knapp 560 Menschen zu Erzieherinnen und Erziehern ausgebildet, 460 davon in der klassischen zwei- bis dreijährigen Ausbildung an Fachschulen, 100 weitere in der praxisintegrierten Ausbildung, genannt Pia. Allein 151 aller angehenden Erzieherinnen und Erzieher sind beim städtischen Träger Kita Bremen, insgesamt umfasst das Personal 1530 Mitarbeiter in 79 Kinder- und Familienzentren. Die evangelische Kirche bietet nach Kita Bremen das zweitgrößte Betreuungsangebot in Bremen. 65 Einrichtungen mit 4607 Kita- und Krippen-Plätzen gehören dazu, 1400 Menschen arbeiten dort. Offene Stellen gibt es keine mehr, laut Verbandsleiter Schlepper ist das aber kein Grund zum Aufatmen: „Wir arbeiten im Bestand.“

Noch 87 offene Stellen in städtischen Kindergärten

Den Fachkräftemangel in den Kitas bezeichnet auch Bildungssenatorin Claudia Bogedan (SPD) als herausfordernd. Während der kirchliche Träger alle offenen Stellen vorerst besetzen konnte, fehlen dem städtischen Träger noch bei 87 Ausschreibungen die entsprechenden Bewerber. Das muss vorerst mit einem 40-köpfigen Vertretungspool kompensiert werden. Die Situation wird sich vorerst wohl kaum entspannen, denn der Bedarf steigt: In den Krippen habe es in diesem Jahr so viele Anmeldungen wie nie zuvor gegeben, sagt Bogedan. Einen ungewöhnlichen Anstieg bei der Nachfrage für Kinder über drei Jahren habe es durch die seit 1. August geltenden Beitragsfreiheit allerdings nicht gegeben.

Trotzdem bleibt der Bedarf der Bremer Familien hoch, das bestätigt auch Petra Frankenfeld, Leiterin der Kita Wilhadi in Walle. 60 Kita- und 20 Krippenplätze bietet die evangelische Tageseinrichtung im Stadtteil an. Nicht genug für alle Familien im Einzugsgebiet. „Der Bedarf ist wesentlich höher als die Kapazitäten“, sagt Frankenfeld. „Wir mussten in diesem Jahr knapp 30 Familien eine Absage erteilen.“ Zahlreiche Eltern hätten sie über den Sommer immer wieder in der Hoffnung kontaktiert, einen Platz zu bekommen. All diesen Familien habe sie die schlechten Nachrichten überbringen müssen: „Das ist für die Kinder ganz schrecklich“, sagt sie. 

Bremenweit haben 900 Familien keinen Platz bekommen. Senatorin Bogedan betont, dass ihre Mitarbeiter versuchten, in den besonders betroffenen Stadtteilen kurzfristige Lösungen zu finden. „Die Lage in Hemelingen, Vegesack, Vahr und Huchting bleibt angespannt“, so die Senatorin. Sie setzt auf den weiteren Ausbau: Im Laufe des Kita-Jahres könne mit 850 zusätzlichen Plätze „fest gerechnet“ werden, sieben Kitas sind aktuell im Bau. Doch Eltern brauchen Geduld: „Es ist nicht so, dass wir uns mit großen Schritten dem Abbau nähern“, sagt Bogedan.

Denn um in den neuen Gebäuden auch Kinder zu betreuen, braucht es Personal. Trägerübergreifend hoffen die Verantwortlichen dabei auf das Programm Pia, das auch in diesem Jahr weitergeführt wird: Angehende Fachkräfte lernen damit berufsbegleitend und müssen deshalb nicht das weitgehend übliche System einer unbezahlten schulischen Ausbildung mit anschließendem Praxisjahr absolvieren.

System “Pia” bindet Erzieherinnen und Erzieher früh

Für Schlepper ist Pia ein System mit Zukunft: Damit würden junge Erzieherinnen und Erzieher schon früh an einen Träger und an ihren Beruf gebunden. Bei der evangelischen Kirche arbeiten 20 dieser Auszubildenden. Schlepper fordert, dass Pia künftig weiter ausgeweitet wird. Er setzt dabei auf den Koalitionsvertrag: Dort ist festgeschrieben, dass bis Ende diesen Jahres ein Konzept zur Vergütung der Aus- und Weiterbildung in den Kitas vorgelegt werden muss. „Von Pia halte ich sehr viel“, sagt er. Dass die Bezahlung der jungen Kräfte enorme Summen kostet, sieht er nicht als Hindernis: Es sei denkbar, dass Auszubildende mit Pia bereits im zweiten oder dritten Ausbildungsjahr auf die Fachkräftequote angerechnet werden könnten. „So entstehen keine Mehrkosten.“

Die evangelischen Kindertageseinrichtungen arbeiten nach eigenen Angaben mit Hochdruck an weiteren Konzepten, um mehr Fachkräfte anzustellen. Seit Mai läuft ein Modellprojekt, über das aktuell fünf spanische Erzieherinnen in verschiedenen Kitas des Trägers arbeiten. Sie alle haben in ihrem Heimatland ein pädagogisches Studium absolviert, vor ihrem Dienstbeginn in Deutschland haben sie einen Sprachkurs besucht. Nun sollen sie ein Jahr in den Kitas arbeiten und dabei weiterhin ihre Deutschkenntnisse verbessern. Die Idee: Schließen sie den Sprachkurs im kommenden Jahr auf B2-Niveau ab, werden sie als sozialpädagogische Fachkräfte anerkannt. Schlepper ist mit dem Projekt bisher zufrieden. „Es ist eine echte Bereicherung. Wir erleben ein fruchtbares Miteinander.“ Seine Hoffnung: Bewährt sich das Projekt, könnten im kommenden Jahr zehn weitere spanische Erzieherinnen nach Bremen kommen.

Das Bildungsressort will sich hingegen um mehr bezahlte Angebote für junge Fachkräfte bemühen. Ab dem Kita-Jahr 2020/21 soll ein neues, vergütetes Ausbildungsformat an den Start gehen, das dem von Pia ähnelt. Aktuell sind bis zu neun Klassenverbände je Schuljahr geplant, insgesamt rechnet die Behörde mit 275 Ausbildungsplätzen. Schon jetzt bekommen Absolventen eines Weiterbildungskurses zur Erzieherin oder zum Erzieher des Paritätischen Bildungswerkes eine Abschlussprämie, um das bezahlte Schulgeld auszugleichen. An öffentlichen Fachschulen fällt für angehende Erzieherinnen und Erzieher kein Schulgeld an.

Die erhebliche Erhöhung der Ausbildungsplätze, wie Schlepper sie fordert, stößt in der Bildungsbehörde auf offene Ohren. Das sei zwar realistisch machbar – allerdings fehlten die entsprechenden Bewerber, erklärte Behördensprecherin Annette Kemp.

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