Buli-Check: Bayer Leverkusen: Wehe, wenn das System kollabiert

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Der Fußball von Peter Bosz ist erklärungsbedürftig.

(Foto: imago images / DeFodi)

Nach zwei Jahren ohne Champions League kehrt Bayer Leverkusen in die Königsklasse zurück. Das dank einer spektakulären Rückrunde, in der Trainer Peter Bosz der Fußball-Bundesliga zeigt: Du und ich, das passt eben doch. Und dennoch bleiben Zweifel.

Als Peter Bosz am 10. Dezember 2017 bei Borussia Dortmund entlassen wurde, da war irgendwie allen, die eine Meinung zu ihm hatten, klar: Dieser Niederländer ist ein netter Kerl und seine Idee des brutal offensiven Fußballs ist sehr schön, aber sie funktioniert in der Bundesliga nicht. Nach einem phänomenalen Start mit 19 von 21 möglichen Punkten wirkte die Bosz’sche Methode seltsam schnell und simpel dechiffriert. Aus der Mannschaft, die alles in Grund und Boden rannte und schoss (21:2 Tore nach sieben Spielen) wurde ein Team, das verstört mit ansah, wie ihr System regelmäßig und ohne Möglichkeit des Gegensteuerns kollabierte. Am fatalsten ausgerechnet im Derby gegen den FC Schalke 04, als am 25. November aus einem 4:0 noch ein 4:4 wurde.

Umso erstaunter nahm nun jeder, der eine Meinung zu ihm hat, wahr, dass Bosz nach 13 Monaten, am 4. Januar 2019 in die Bundesliga zurückkehrte. Als Nachfolger des am Ende planlos wirkenden Heiko Herrlich bei Bayer Leverkusen. Als Trainer einer hochtalentierten, aber destabilisierten und orientierungslosen Mannschaft. Ausgerechnet Bosz sollte das korrigieren, was ihm beim BVB selbst passiert war. Er sagte: “Ich bin in der Bundesliga noch nicht fertig.” Die Menschen in Deutschland hätten noch nicht sein wahres Gesichts gesehen. Und wenn es das ist, welches Bayer mit Rauschfußball von Platz neun nach der Hinrunde noch in die Champions League führte, dann ist es ein sehr attraktives.

Was gibt’s Neues?

In Leverkusen haben sie etwas geschafft, was den meisten Klubs in der Bundesliga nicht gelingt. Sie haben ihren besten Spieler gegen nationale und internationale Top-Werber erfolgreich verteidigt. Und dieser beste Spieler ist ja nicht irgendein bester Spieler. Er ist ein fantastischer Spieler. Kai Havertz ist die wohl größte Hoffnung im deutschen Fußball. Was seinen Verbleib noch ein wenig erstaunlicher macht. In der bemerkenswerten Rückrunde erzielte er elf seiner 17 Saisontore. Und was er allen voran mit Julian Brandt auf dem Rasen veranstaltete, das war wirklich brillant. Nun, diesen Brandt konnten sie in Leverkusen dagegen nicht halten. Ihn zog es zu Borussia Dortmund, zu einer Mannschaft deren Titelchancen ungleich höher sind als die der Leverkusener. Brandt ging, und das schmerzt wohl noch mehr, für die vergleichsweise lächerliche Summe von 25 Millionen Euro. Sie war festgeschrieben. Und der, der sie festgeschrieben hat, der ärgert sich sicher sehr über seine Torheit.

Sei’s drum: Der Verbleib von Havertz jedenfalls macht Bayer mutig: Sie wollen sich am Ende der kommenden Saison wieder für die Champions League qualifiziert haben. Und dafür gaben sie viel Geld aus. Für 32 Millionen Euro verpflichteten sie den Strategen Kerem Demirbay aus Hoffenheim. Und weil die Leverkusener bei der TSG mit Nadiem Amiri einen Spieler mit Brandt’schen Anlagen erkannten, kauften sie ihn einfach auch noch. Angeblich für neun Millionen Euro. Ganz besonders interessant aber wirkt der Transfer von Moussa Diaby. Für 15 Millionen Euro kommt der 20 Jahre alte Franzose von Paris St. Germain. Trainer Thomas Tuchel hätte ihn dort gerne behalten. Denn Diaby bringt alles mit, um mal ein sehr umworbener Fußballer zu werden. Als besonders wichtig erachten sie bei Bayer allerdings ihr größtes Schnäppchen. Für den Niederländer Daley Sinkgraven flossen fünf Millionen nach Amsterdam. Bei Ajax schulte Bosz den 24-Jährigen einst vom “Zehner” zu einem spielintelligenten, passsicheren und schnellen Linksverteidger um. Er soll nun Wendell Konkurrenz machen, der es sich zuletzt ohne Konkurrenz ein bisschen zu gemütlich auf der Außenbahn gemacht hatte.

Auf wen kommt es an?

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Für Sven Bender gab es im Pokalspiel in Aachen schon wieder eine – folgenlose – Schrecksekunde.

(Foto: imago images / MaBoSport)

Man sagt ja immer: Wenn ein erfolgreicher Trainer erstmal eine komplette Vorbereitung mit der Mannschaft bestreiten kann, dann wird alles noch viel besser. Für Bayer müssten das nach Platz drei in der Rückrunde beste Aussichten sein. Nun war’s aber so: Die Vorbereitung rumpelte heftig. Sie war auch irgendwie kurios ausgerichtet. Oft wurde nur einmal am Tag trainiert, dafür aber gleich dreimal an einem Tag doppelt gespielt. Die Ergebnisse waren wenig berauschend. Auf den Auftaktsieg gegen Regionalligist Wuppertaler SV folgten sieben Spiele ohne Sieg – und 16 Gegentore. Bosz erkannte folglich Probleme mit der Abstimmung. Er sagte: “Das muss besser werden, in allen Bereichen.” Innenverteidiger Sven Bender erkannte gar zwischenzeitlich “brutale Fehler, die wir bei unserem System nicht machen dürfen.” Tatsächlich ist die perfekte Balance zwischen Rückzug und Attacke das hochsensible Kernelement des hochriskanten Bayer-Fußballs. Funktioniert das System, bietet es den vermutlich aufregendsten Fußball in Deutschland. Fällt nur ein Teil aus, ist Bayer schnell mal ein wehrloses Opfer für Konterfußballer.

Was fehlt?

Überraschenderweise erklärte Bosz noch im Juli, dass er gerne einen weiteren Stürmer hätte. Nun, angesichts der überragenden Besetzung in der Offensive unter anderem mit eben Diaby und Amiri, mit Leon Bailey, mit Karim Bellarabi, mit Kevin Volland, mit Lucas Alario und dem in diesem Sommer überzeugenden brasilianischen Top-Talent Paulinho wäre man auf diesen Wunsch des Trainers eher nicht gekommen. Tatsächlich aber fehlt neben Jonathan Tah ein zweiter gelernter Innenverteidiger auf Top-Niveau. Sein Nebenmann Sven Bender ist eigentlich ein Mann aus dem Mittelfeld-Zentrum. Er funktioniert zwar seit Jahren auch in der letzten Kette sehr gut, er ist aber leider sehr anfällig für Verletzungen. Sie wissen das vermutlich. Und über die Klasse von Alexander Dragovic und dem jungen Griechen Panagiotis Retsos gibt es unterschiedliche Auffassungen.

Wie lautet das Saisonziel?

Das Startprogramm

SC Paderborn (H)

Fortuna Düsseldorf (A)

TSG Hoffenheim (H)

Borussia Dortmund (A)

1. FC Union Berlin (H)

FC Augsburg (A)

Der Verbleib von Havertz und vielen anderen Leistungsträgern belebt die Fantasie. Offen wie nie hat Sport-Geschäftsführer Rudi Völler das erneute Erreichen der Champions League ausgerufen. Außerdem träumt er vom zweiten Pokal-Coup nach 1993. Trainer Bosz formuliert die Ziele etwas verklausulierter. Er möchte es dem FC Bayern und Borussia Dortmund sehr schwer machen. Und er möchte seine Mannschaft verbessern. In der Summe macht das dann vermutlich auch mindestens mal das Erreichen der Königsklasse.

Die n-tv.de-Prognose

Aberwitzig schöner Tempofußball wechselt sich mit Systemkollapsen ab. Das reicht nicht für die Meisterschaft, wohl aber für den erneuten vierten Platz.

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