Eine herzzersplitternde Traurigkeit | ZEIT ONLINE

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Neuerdings
interessiert sich ein Filmteam für das Leben meines Großvaters. Wie es so war,
als Jude im Land der Täter. Wie man später in ebendiesem Land Karriere machen
konnte. Ich profitiere sehr von den Recherchen, komme ich doch aus einer
Familie der Schweiger. Heute traf ich einen der Journalisten. Er gab mir einen kleinen
Stapel zusammengetackerte Seiten mit nach Hause. Auf einer Seite stand
“Weichselbaum, Siegbert, ermordet in Auschwitz. Cousin von Robert Lembke”.

Ich war
13, als mir mein Vater erzählte, dass mein Großvater nicht immer Robert Erich
Lembke
hieß, sondern als Robert Emil Weichselbaum auf die Welt gekommen war.
Mich beutelte es damals etwas, war ich doch meist mit meiner Nase tief
vergraben in Büchern, die Damals war es
Friedrich
, Als Hitler das rosa
Kaninchen stahl
und So überlebten sie
den Holocaust
hießen. Der Großvater? Meine Mutter sprach darüber nicht (sie
war seine Tochter), meine Großmutter ebenfalls nicht und mein Vater war ein
Geschichtenerzähler, dem ich nicht ganz traute. Meinen Großvater selbst zu
fragen, war mir als Kind unvorstellbar, und als ich erwachsen wurde und gern
gefragt hätte, war er nicht mehr am Leben.

Linda Benedikt wurde 1972 in München geboren. Sie studierte Politik in England und Israel und arbeitete viele Jahre als freie Journalistin. Seit 2010 steht sie mit dem politischen Musikkabarett Reality Check auf der Bühne. 2012 veröffentlichte sie ihren Essay “Israel – A love that was. Die Geschichte einer Entzauberung”, 2013 die Erzählung „Eine kurze Geschichte vom Sterben“, 2015 erschien der Roman “Der Rest ihres Lebens“. Linda Benedikt lebt zurzeit in München. Sie ist Gastautorin von “10 nach 8“.
© privat

Mein
Großvater war der Mann aus dem Fernseher, der kaum zu Hause war, dessen Prominenz
mir immer auf die Nerven ging, weil sie mir den Opa nahm, den ich liebte und
verehrte. Mein Großvater war der “Rateonkel” aus der Sendung Schweinderl und später der Chefredakteur des
Bayerischen Rundfunks. Er hatte aber auch, nachdem er die Kriegsjahre in diversen Verstecken
überlebt hatte, zusammen mit Erich Kästner, Hans Habe und Stefan Heym die Neue
Zeitung
– heute bekannt als Süddeutsche Zeitung – aufgebaut.

Als ich
mich von dem Filmmenschen, der mir seinen Papierstapel übergab, verabschiedet
hatte, tat ich sie, nach einem schnellen Überflug, in meinen Rucksack und ging
nach Hause. Der Rucksack drückte elendig auf meinen Schultern. Obwohl nur ein
dünnes Buch darin war, eine halbvolle Wasserflasche und eine Packung Zigaretten.
Ich spazierte durch Straßen, in denen die Verwandtschaft meines Großvaters
gelebt hatte, bevor sie nach Shanghai floh, nach Palästina oder in Auschwitz
in das Gas geschickt worden war. Und es war mir fast peinlich, dass mir ihre
Fluchten und ihre Ermordung so durch und durch gingen, wo mich doch ihr Elend und
ihr Tod nicht mehr erdrücken sollten als das Fliehen und Sterben all der
anderen Juden in dieser Zeit. Aber es war näher, es schmerzte
an Stellen in meinem Herzen, von denen ich gar nicht wusste, dass ich sie
besaß. Oder dass sie, im Jahre 19 des neuen Jahrtausends, nochmals so neu
schmerzen konnten.

Vielleicht
schmerzte mich auch nur das Weh meines Großvaters, welches er gehabt haben
muss, welches er aber nie besprach, nie in Worte fasste, sondern immer
versteckte. Er war kein Hans Rosenthal. Er war Robert E. Lembke, der ernannte
“Rateonkel” der “Nation”, der “Welches Schweinderl hätten Sie denn gerne?”-Frager, der nette, liebe Münchner, der sich mit den ganzen Altnazis sein Leben,
seine Karriere aufgebaut hatte.

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