Familie ohne Anleitung

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Das Toddler ist da, aber der Kinderwagen, in dem es schlummert, lässt sich nicht schieben. Sophie hat die Einzelteile im Web bestellt, das war billiger. Nun wartet sie auf die Räder. Das unvollständige Bild ist in Miriam Blieses Studie einer Patchworkfamilie dramaturgisches Prinzip. Wie ein Mosaik setzt sich die Geschichte von Sophie und Georg über einen Zeitraum von sechs Jahren aus Fragmenten zusammen. Das Elliptische wird durch das formale Konzept verstärkt.

„Die Einzelteile der Liebe“, Blieses Abschlussfilm an der DFFB, spielt mit Ausnahme weniger Szenen ausschließlich vor einer Berliner Haustür. Für die ästhetische Ausrichtung des nach außen gestülpten Kammerspiels ist dieser Ort entscheidend. Denn mit dem 9-geschossigen „Haus Vago“, das der französische Architekt 1956 im Hansaviertel entwarf, hat die gebürtige West-Berlinerin ein ausgesprochen architekurfilmogenes Location gewählt. Der Eingangsbereich aus Säulen und Rampen lässt sich wie eine Bühne bespielen. Automatisch markiert es auch ein gesellschaftliches Milieu: bürgerlich, gebildet, kreativ, guter Geschmack.

Verfehlungen und Pannen bestimmen die Geschichte. Es beginnt damit, dass die hochschwangere Sophie (ein schönes Wiedersehen mit Birte Schnöink aus Jessica Hausners „Amour Fou“) vom Kindsvater buchstäblich sitzen gelassen wird und stattdessen Georg (Ole Lagerpusch), sein Bandkollege, sie ins Krankenhaus begleitet. Eine Szene später kommt es zu einer Annäherung, wieder eine Szene später feiert man, nun als Paar, mit Freunden das „Ende der Stillzeit“ – Georg ist für den neugeborenen Jakob längst der „Nach-Geburtsvater“.

Das Glück der neuen Familie aber lässt sich nur mit Skepsis betrachten. Bliese erzählt ihren Film vom Ende her, mitten im verhärteten Sorgerechtsstreit. Davon ausgehend springt die Erzählung zurück, das Scheitern ist in den Szenen einer Beziehung immer latent anwesend. Schon bald verhandeln Sophie und Georg Aufgabenverteilungen, ihre Freiräume und wer das Type in die Kita bringt.

Die Beschränkung auf einen Ort, der zur Austragung von – teils hochprivaten – Beziehungsdingen nicht eben einlädt, ist eine Herausforderung, der Bliese mit plausiblen Szenarien begegnet. Mal trifft sich das Paar mit den Einkäufen vor dem Haus, mal streitet Georg mit Sophie an der Sprechanlage über das Besuchsrecht, mal sitzen Jakob und Sophies neuer Freund ohne Schlüssel vor der Tür. Nicht immer fügt sich das Verhältnis von konzeptueller Setzung und Alltagsbeschreibung. Denn bei allem Anschein des Beiläufigen hat jede Problem sichtbar die Funktion, ihren Beziehungsstatus abzuklopfen und die Binnendynamik und Kräfteverhältnisse zu formulieren.

[In Brotfabrik, City Kino, Wolf, fsk]

„Die Einzelteile der Liebe“ spart zwar die großen Dramen aus, doch bei aller Zurückhaltung und Auslassung geht es meist um gewichtige Themen: erfolglose Schwangerschaft, Liebesverlust, Adoptivschaft, Untreue, Sorgerechtskampf. Tatsächlich geht das ambitionierte Konzept am besten auf, wenn der Film seine Konstruiertheit erst gar nicht hinter einem Realismus zu verkleiden versucht und seine Figuren regelrecht in die Architektur hineinstellt. Kameramann Markus Koob findet dafür präzise Bilder.

Dabei ist „Die Einzelteile der Liebe“ als Porträt eines bestimmten kulturellen Milieus durchaus treffsicher. Bliese findet einen guten Tonfall speziell für jenes uneigentliche Sprechen, das in akademischen Kreisen so verbreitet ist. Gefühle werden rationalisiert und ironisiert, lieber lenkt guy einen Vorwurf spielerisch um, statt sich die Blöße zu geben, authentisch frustriert oder stinksauer zu sein. Der Movie selbst teilt diese ironische Distanz. Deutsche Schlager von u. a. Freddy Quinn, Rudi Carrell und Siw Malmquist („Liebeskummer lohnt sich nicht“) kommentieren die langsam voranschreitende Erosion der Beziehung. Ihre Einzelteile liegen versprengt herum.

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