Geschlechtssensible Kitas: Vorbildlich oder absurd?

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Herr Kenward, in Schweden gibt es spezielle geschlechtssensible Kitas. Einigen Menschen in Deutschland kommt dieses Konzept vermutlich absurd vor. Was sagt Ihre Studie?

Die Ergebnisse unserer Studie deuten darauf hin, dass die Kinder in diesen Kitas tatsächlich eine andere Einstellung haben als diejenigen aus durchschnittlichen Kitas. Die Kinder aus den geschlechtssensiblen Kitas tendieren weniger dazu, sich an Geschlechter-Stereotype anzupassen. Sie sind auch offener dafür, mit Kindern zu spielen, die ein anderes Geschlecht haben als sie selbst.

ben kenward - Geschlechtssensible Kitas: Vorbildlich oder absurd?

In Ihrer Studie haben Sie eine geschlechtersensible Kita mit mehreren durchschnittlichen Kitas in Schweden verglichen. Wie repräsentativ ist Ihre Studie überhaupt?

Es wurde generell noch nicht viel zu dem Thema geforscht. Ich weiß von keiner großen systematischen Studie, die die pädagogischen Praktiken in verschiedenen Ländern misst und vergleicht. Unsere Stichprobe war groß genug, um sicher zu sein, dass die Unterschiede existieren. Das ist sehr wichtig, denn es zeigt, dass auch in diesem jungen Alter die Umgebung schon einen Effekt auf die Einstellung der Kinder in Bezug auf Geschlechterrollen hat. Und hier muss man bedenken, dass das Kind viel Zeit außerhalb der Kita in einer Gesellschaft verbringt, die sehr gegendert ist.

Dann erzählen Sie doch mal – wie haben Sie die Kitas in Schweden erlebt?

Schon die durchschnittlichen schwedischen Kitas sind sehr progressiv, wenn es darum geht, Jungs und Mädchen gleich zu behandeln. Das ist sogar im nationalen Lehrplan für Kitas verankert. Aber Jungs und Mädchen die gleichen Möglichkeiten zu geben, ist gar nicht so leicht. Forschungen zeigen, dass selbst Menschen, die denken, sie würden Jungen und Mädchen gleich behandeln, das nicht tun. Denn unser Verhalten wird oft vom Unterbewusstsein gesteuert und wir haben automatisch die Tendenz, Frauen und Männer, Mädchen und Jungen unterschiedlich zu begegnen.

Diese Ideen sind so stark in unserer Gesellschaft verankert, dass wir sie unbewusst ab einem sehr frühen Alter übernehmen. Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern, sind sich die meisten Erzieher und Erzieherinnen in Schweden dieses Problems aber bewusst – und zwar in allen Kitas. Manche der geschlechtssensiblen Kitas gehen sehr weit, um auf dieses Problem aufmerksam zu machen. So vermeiden sie zum Beispiel jegliche Personalpronomen. Das wird nicht von allen akzeptiert.

Beschreiben Sie doch mal den Alltag in einer geschlechtssensiblen Kita.

Ich habe zwei geschlechtssensible Kitas besucht. An einer haben wir dann die Studie gemacht. Dort habe ich im ersten Moment überhaupt nicht bemerkt, dass es sich um eine besondere Kita handelt. Bei der anderen, in der wir die Studie nicht gemacht haben, hatte ich den Eindruck, ich wäre in einer Hippie-Kommune gelandet. Damit will ich sagen: Selbst unter geschlechtssensiblen Kitas gibt es Unterschiede. Was alle gemein haben, ist: Die Erzieher vermeiden Personalpronomen und Wörter, die die Geschlechterstereotype der Kinder verstärken könnten.

Können Sie uns ein konkretes Beispiel geben?

Ein Kind hat ein neues Kleidungsstück, der Erzieher bemerkt das und sagt „Oh, das ist aber ein schönes T-Shirt!“. Tatsache ist, dass eine Erzieherin diesen Satz viel eher zu einem Mädchen sagen würde. Aber weil die Erzieher sehr reflektiert sind, und auch spezielle Schulungen bekommen haben, sind sie sehr gut darin, auch einem Jungen so etwas zu sagen. Zudem ändern die Erzieher zum Beispiel das Geschlecht der Charaktere in traditionellen Geschichten und Kinderliedern, damit der Held nicht immer männlich ist. Es gibt in Schweden mittlerweile sogar Bücher, in denen man gar nicht erkennt, welches Geschlecht die Figur hat.

Wie funktioniert das denn mit den Personalpronomen? Benutzen die Erzieher nur das dritte, geschlechtssensible Pronomen „hen“?

Das hängt von der Kita ab. Die Anzahl der Menschen, die dieses Pronomen in ihrem aktiven Vokabular haben, ist in den geschlechtssensiblen Kitas sicherlich höher. Aber man kann ja einfach den Namen eines Menschen verwenden statt des Pronomens. Auf die Frage „Wo ist Emma“ kann man antworten „Sie ist in der Küche“. Oder: „Emma ist in der Küche“. Ich denke, viele würden diesen Ansatz bevorzugen, weil er natürlicher ist.

Wie sind die Kinder in der geschlechtssensiblen Kita denn miteinander umgegangen?

Wir haben die Kinder interviewt und ihnen Fotos von Mädchen und Jungen gezeigt. Dann haben wir gefragt: Mit wem möchtest du spielen? Die Kinder aus der geschlechtssensiblen Kita wollten eher mit einem Kind spielen, das ein anderes Geschlecht hat als sie selbst. In welchem Ausmaß das auf das tatsächliche Verhalten zurückzuführen ist, kann ich nicht sagen. Aber es würde mich sehr überraschen, wenn die Kinder in den Interviews diese Unterschiede zeigen würden – im realen Alltag aber nicht.

Was würden Sie als Wissenschaftler sagen: Was muss sich in Zukunft ändern, um Geschlechterunterschiede weiter abzubauen?

Ich versuche gar nicht, alle Geschlechterunterschiede abzubauen. Das ist weder als Wissenschaftler, noch als Privatperson mein Ziel. Aber es ist mir wichtig, dass wir mehr und positiver über geschlechtersensible Pädagogik reden. Viele Leute, vor allem im rechten politischen Flügel, behaupten, es ginge dabei darum, aus Jungs Mädchen zu machen und andersrum. Aber das stimmt überhaupt nicht. Kein Kind wird dazu gezwungen, irgendetwas anderes zu sein als es sein möchte. Aber der Punkt ist: Wir sollten den Kindern erlauben, sich nicht von den Geschlechterrollen der Gesellschaft eingeschränkt zu fühlen. Wir wissen aus Beobachtungen, das schon kleine Kinder sich an die Geschlechterrollen anpassen.

Kleine Mädchen denken, es ist angemessen, mit Puppen zu spielen, kleine Jungs mit Autos. Letztlich schränkt das aber nur die Möglichkeiten dieser Kinder ein. Denn die Mädchen lernen daraus, mit Puppen zu spielen. Warum sollte man Jungen diese Erfahrungen vorenthalten? Wenn Kinder in einer Umgebung aufwachsen, in der sie nicht das Gefühl haben, sich aufgrund ihres Geschlechts an gewisse Regeln halten zu müssen, ermöglicht ihnen das, viele unterschiedliche Erfahrungen zu machen – und sich zu entwickeln.

Also könnte man doch sagen, dass es insgesamt mehr geschlechtssensible Kitas geben sollte?

Ich denke, die meisten Leute in West- und Nordeuropa würden heutzutage sagen, dass Jungen und Mädchen die gleichen Möglichkeiten und Erfahrungen haben sollen. Das ist nicht besonders kontrovers. Aber dafür muss man nicht aus jedem Kindergarten einen besonderen machen. Es geht einfach nur darum, sich dieser Thematik bewusst zu werden. Jede Kita und jeder Erzieher, jede Erzieherin kann das reflektieren und seine Praktiken in diese Richtung anpassen.

Warum haben Sie sich denn entschieden, zu diesem Thema zu forschen?

Die Idee hatte meine Kollegin Kristin Shutts. Das Thema hat mich sofort gereizt. Denn Gender ist ein wichtiger Teil der Identität. Und wenn Menschen anfangen, Geschlechterrollen zu hinterfragen, nehmen einige Leute das sehr persönlich und stören sich daran. Geschlechtssensible Kitas versuchen einfach, die gängigen Stereotype nicht zu erfüllen. Aber schon diese Weigerung reicht, um Aufmerksamkeit zu erregen – gerade, wenn es um kleine Kinder geht. Nachdem wir die Ergebnisse veröffentlicht hatten, haben viele Medien berichtet – allein das zeigt, wie interessiert die Menschen sind.

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