„Kinder haben plötzlich Angst“

0
7
2907427 1 articledetailpremium DSC4182 - „Kinder haben plötzlich Angst“
Die Fatih-Moschee in Gröpelingen wurde schon mehrfach zum Ziel rassistischer und muslimfeindlicher Taten. (Christina Kuhaupt)

Vandalismus, Beleidigungen und Tätlichkeiten: Rechtsextremes Gedankengut entlädt sich häufig gegen Muslime und ihre Einrichtungen. Murat Celik und Vahit Bilmez berichten von den Sorgen und Ängsten der Bremer Gemeinden. Celik ist Vorstandsvorsitzender des Dachverbands Schura Bremen, Bilmez ist Celiks zweiter Stellvertreter und zudem Vizepräsident der Islamischen Föderation Bremen (IFB).

In Bremen habe es einen spürbaren Anstieg islamfeindlicher Straftaten gegeben, sagt Celik. Er betont, dass dies nicht nur seine subjektive Wahrnehmung sei – immer mehr Gemeindemitglieder berichteten von verbalen und teilweise körperlichen Angriffen. Oft treffe es Muslima, die ein Kopftuch tragen. Sie würden angepöbelt, angeschrien, gar angespuckt. „Geht in euer Land zurück“, würden Muslime oft zu hören bekommen, obwohl viele in Deutschland geboren und aufgewachsen sind.

Auch Celik selbst berichtet von schrägen Blicken und Kopfschütteln. Er fühlt sich in Bremen dennoch relativ sicher, sagt er. Aber aufgrund der Ereignisse in Deutschland, Europa und der Welt kämen unter den Bremer Muslimen vermehrt Ängste auf. Der Terroranschlag auf zwei Moscheen im Neuseeländischen Christchurch mit 51 Toten etwa habe viele Gemeindemitglieder geprägt. „Kinder haben plötzlich Angst, und ihre Eltern um sie.“

Rechte Gewalt nehme bundesweit zu, beklagt auch Bilmez. Die Szene werde immer mutiger. Die Folgen bekämen auch die Bremer Muslime zu spüren: Drohbriefe, Hakenkreuz-Schmierereien, Schweineteile vor Moscheen, versuchte Brandstiftungen. Ein Problem sei die AfD, die mittlerweile in allen Bundesländern vertreten ist und große Wahlerfolge feiert. „Die Partei ist salonfähig. Das bereitet mir Sorgen und Ängste“, sagt er.

Der Vorfall, der in Bremen in jüngster Zeit am meisten für Aufmerksamkeit gesorgt hat, ereignete sich am 8. Juni in der Rahma-Moschee in der Bahnhofsvorstadt. Unbekannte zerrissen rund 50 Exemplare des Korans und stopften die Fetzen zum Teil in eine Toilette. Für Celik eine besonders verächtliche Tat: „Mitten in Bremen dringt jemand am helllichten Tag in eine Gemeinde ein und schändet den Koran.“

Der Täter müsse damit gerechnet haben, erwischt zu werden, mutmaßt er. In der Folgezeit habe es intensive Gespräche mit Sicherheitsbehörden gegeben. „Wir haben nicht 24 Stunden am Tag einen Sicherheitsdienst vor der Tür wie die jüdische Gemeinde“, sagt er. Dennoch bestehe unter den Muslimen der Wunsch nach mehr Schutz.

2907415 1 sebo IMG 2516 - „Kinder haben plötzlich Angst“
Murat Çelik, Vorsitzender der Schura Bremen. (Elke Hoesmann)

Keine einfache Sachbeschädigung

Celik kritisiert, dass die Beamten, die als Erstes vor Ort waren, nicht mit der gebotenen Feinfühligkeit vorgegangen seien. Er habe das Gefühl gehabt, die Koranschändung sei zunächst als einfache Sachbeschädigung behandelt worden. Dann aber übernahm schnell der Staatsschutz die Ermittlungen. Celik lobt, dass Dirk Fasse, Polizeivizepräsident und Leiter des Staatsschutzes, sich persönlich ein Bild der Lage gemacht hat. Die Wogen schlugen indes immer höher. Presseanfragen aus ganz Deutschland hätten Celik erreicht, sogar internationale.

Positiv hebt er hervor, dass führende Politiker der Stadt schnell ihre Solidarität gezeigt haben, darunter die damalige Bürgerschaftspräsidentin Antje Grotheer (SPD), ihr Nachfolger Frank Imhoff (CDU) und der damalige Bürgermeister Carsten Sieling (SPD). „In anderen Bundesländern sind die Politiker passiver“, sagt er. Auch viele Bürger hätten sich nach dem Vorfall bei den Verbänden gemeldet und ihre Abscheu der Tat gegenüber zum Ausdruck gebracht. Celik und Bilmez erinnern sich gern an eine Dame, die sofort angeboten habe, für die zerstörten Koranausgaben aufzukommen. „Wir hören auch schöne Dinge“, sagt Celik. 

„Die Reaktionen haben mich stolz gemacht, Bremer zu sein“, fügt Bilmez hinzu und lächelt. Es sei wichtig, dass Politiker nach solchen Vorfällen Gesicht zeigen. Er fühlt sich in der Hansestadt sicher und wohl, betont er. Dennoch würde ihm der Rechtsruck der Gesellschaft Sorgen bereiten. Es gebe viele Menschen, die kein Mitleid oder Verständnis für Muslime hätten. Ein häufiges Problem sei die Tendenz zur Pauschalisierung. „Wir sollten uns nicht immer rechtfertigen müssen, wenn Muslime irgendwo in der Welt verrückte Sachen anstellen“, fordert er. Der gebürtige Bremer habe weder mit dem türkischen Präsidenten noch mit dem iranischen Regime etwas zu tun, werde aber trotzdem häufig darauf angesprochen – mitunter sogar von Bekannten.

Was hilft gegen den ansteigenden Hass auf Muslime? Bilmez ist sich sicher: Aufklärung und Austausch. „Die Menschen müssen zusammen kommen“, sagt er. Eine Möglichkeit sei der Tag der offenen Moschee, der seit 1994 stattfindet. Zudem biete Bilmez seit 20 Jahren Moschee-Führungen an, auch für Schüler und Studenten. Die Teilnehmer seien regelmäßig begeistert von den ehrenamtlichen Tätigkeiten und den Programmen. Er wünscht sich, dass die positiven Aspekte mehr Beachtung in der Berichterstattung finden. „Wir haben in den vergangenen Jahren viel Flüchtlingsarbeit geleistet“, erzählt er. Die Gemeinde tue viel, sagt auch Celik: Krippen, Islamunterricht, Nachhilfe, Deutschkurse in Kooperation mit der Volkshochschule, Sport und mehr. Ein breites Spektrum an Angeboten, die zu 90 Prozent ehrenamtlich geleistet würden.

2479993 2 teasertiny 5a9c002d54307 - „Kinder haben plötzlich Angst“cam neu 27x27 - „Kinder haben plötzlich Angst“
2479994 1 teasertiny Foto2 Fatih Moschee - „Kinder haben plötzlich Angst“cam neu 27x27 - „Kinder haben plötzlich Angst“
2479996 1 teasertiny Foto4 Fatih Moschee - „Kinder haben plötzlich Angst“cam neu 27x27 - „Kinder haben plötzlich Angst“

Fotostrecke: Farbschmierereien an der Bremer Fatih-Moschee

„Die Religion ist ein Bestandteil Deutschlands und auch Bremens“, sagt Celik. Von der Politik wünscht er sich, dass Muslime und Migranten in Ämtern besser repräsentiert würden. Er freut sich zwar, dass die Bremer SPD mit Mustafa Güngör erstmals einen türkischstämmigen Fraktionsvorsitzenden hat. Bei der nächsten Wahl jedoch würde er sich einen muslimischen Senator wünschen.

Source link