Peter Hellers “Der Fluss”: Ein wuchtiger Abenteuerroman, wie es ihn nur noch selten gibt

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Als Peter Heller 17 Jahre alt war und in Vermont aufs Internat ging, begegnete er auf einer Feier einem etwas verloren wirkenden Mann, der ihm davon erzählte, dass er unlängst seine Frau während eines Kajak-Trips verloren hätte. Heller war sofort davon überzeugt, dass der Mann log, dass es in Wahrheit kein Unfall war, sondern Mord. Und dann vergaß er die Episode wieder.

Mehr als 40 Jahre später, so schreibt Heller in einem Essay, als er die Idee für seinen vierten Roman “Der Fluss” hatte, fiel ihm der vermeintliche Mörder wieder ein. Er nahm ihn zum Vorbild für eine der Figuren seiner Geschichte, Pierre, einen Wissenschaftler, der mit seiner Frau Maia auf einem Fluss im Norden Kanadas unterwegs ist, sie im Streit niederschlägt und die vermeintlich Sterbende zurücklässt.

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Ulf Andersen/ Getty Images

Peter Heller

Wenn Pierre der Schurke ist, sind Jack und Wynn die Helden des Romans. Die beiden Studienfreunde suchen auf diesem Fluss bei einer mehrwöchigen Kanutour nach Ursprünglichkeit und Ruhe und ein bisschen Nervenkitzel. Sie haben die Köpfe voll von den Abenteuergeschichten der Weltliteratur, in denen Männer sich den Widrigkeiten der Natur stellen und von dieser Begegnung als andere, manchmal sogar bessere Menschen zurückkehren. Sie lieben Hemingways Nick-Adams-Stories ebenso wie Mark Twains “Huckleberry Finn” , die Western von Louis L’Amour und natürlich Joseph Conrads Flussfahrt ins “Herz der Finsternis”.

Wenn “Der Fluss” aber ein großes Vorbild hat, dann ist es James James Dickeys Roman “Deliverance”, dessen kongeniale Verfilmung Anfang der Siebzigerjahre in Deutschland unter dem läppischen Titel “Beim Sterben ist jeder der Erste” in die Kinos kam. Gleich zweimal lässt Heller seine Figuren die Vorlage erwähnen, und wie Dickey erzählt auch Heller von einem Bootstrip, der sich zu einem brutalen Überlebenskampf entwickelt, mischt Western- und Krimielemente in die Story.

Preisabfragezeitpunkt:
20.08.2019, 16:58 Uhr
Ohne Gewähr

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Peter Heller
Der Fluss: Roman

Verlag:
Nagel & Kimche
Seiten:
312
Preis:
EUR 22,00
Übersetzt von:
Matthias Strobel

Mit dem schlicht-schönen Satz “Seit zwei Tagen schon rochen sie den Rauch”, beginnt Heller seine Geschichte, und aus dem Waldbrand, den Jack und Wynn zunächst kaum ernst nehmen, entwickelt sich im Laufe des Romans eine Feuerwalze von gigantischen Ausmaßen, die ihnen immer näher kommt. Eine Bedrohung, der die beiden zu zweit wahrscheinlich entkommen könnten, doch teilen sie sich ihr Kanu inzwischen mit der schwer verwundeten Maia und müssen hinter jeder Biegung des Flusses befürchten, dass Pierre ihnen auflauert. Und dann sind noch die beiden Rednecks JD und Brent, ebenfalls auf dem Fluss unterwegs, hinter deren Jack-Daniels-befeuerter Leutseligkeit sich möglicherweise mörderische Abgründe verbergen.

In der deutschen Fassung geht der Erzählrhythmus verloren

Heller hat es nicht eilig, seine Geschichte eskalieren zu lassen. Lange Passagen widmet er der Freundschaft seiner beiden Helden, dem Farmerssohn Jack, der die Ideale und Moralvorstellungen eines Cowboys hat, und Wynn, dem sanften Intellektuellen, der fest an das Gute im Menschen glaubt. Noch mehr Zeit nimmt sich Heller, der neben Romanen auch Sachbücher über seine Erfahrungen als Abenteuerreisender schreibt, für die Beschreibung der Natur, und diese Passagen sind von einer Lebendigkeit und Detailfülle, die ihm Vergleiche mit Cormac McCarthy oder Robert Macfarlane eingebracht haben.

Langsam steigert Heller die Spannung, von einem vagen Bedrohungsszenario über einzelne kurze Actionszenen bis zu dem tosenden Höhepunkt, wenn das Feuer wie entfesselt durch den Wald in Richtung Fluss wütet: “Dann explodierte ein Baum hinter dem Vorhang aus Bäumen, denn mehr war es nicht, die Fichten standen wie im Gegenlicht, wie Spindeln in der schmelzenden Sonne. Hinter diesem Vorhang schoss ein Feuerstrahl empor, es zischte, und weiße Schwaden wie aus Dampf stiegen auf vor einem längst nicht mehr dunklen Himmel.”

“Der Fluss” ist ein wuchtiger Abenteuerroman, wie es ihn nur noch selten gibt, angetrieben von einem unwiderstehlichen Erzählrhythmus – der leider in der deutschen Sprachfassung, vor allem in den ruhigeren, lyrischeren Passagen, verloren geht. In der Übersetzung von Matthias Strobel beginnt Hellers Sprache zu holpern, was auch daran liegt, dass er mal einzelne Formulierungen, mal ganze Satzteile einfach weglässt. Und manchmal – und das ist auch ein Vorwurf an das Lektorat, das darüber hinaus viele Flüchtigkeitsfehler stehen gelassen hat -, den Sinn des Erzählten verschleiert oder gar umdreht. So erahnt man in der deutschen Version letztlich nur, welch gewaltiger literarischer Wurf Peter Heller mit “Der Fluss” gelungen ist.

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