Von Köln aus nach ganz Europa: Sind Bahnreisen eine Alternative zum Fliegen?

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Köln –

Etwa 26 Stunden dauert die Reise. Kostenpunkt: circa 150 Euro. Um Viertel vor sieben morgens am Kölner Hauptbahnhof los, mit dem Thalys nach Paris, dort mit der Metro den Bahnhof wechseln, weiter in den Süden bis zur französisch-spanischen Grenze nach Hendaye und da wartet er: der Nachtzug nach Lissabon. Wer Glück hat, bekommt für etwa 40 Euro ein Bett im Vier-Personen-Abteil inklusive Waschbecken.

Am nächsten Morgen erwacht der Reisende erschöpft an der portugiesischen Atlantikküste und kann sich sicher sein: Er hat die klimafreundlichste Anreise gewählt, die momentan möglich ist. Durchschnittlich 36 Gramm Treibhausgase pro Kilometer werden auf eine Person gerechnet im Bahn-Fernverkehr verursacht. Der Wert des Autos liegt nach Angaben des Umweltbundesamts im Schnitt bei 139 Gramm, der des Flugzeugs bei 201 Gramm pro Kilometer.

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„So eine 26-Stunden-Reise ist nur etwas für eingefleischte Bahn-Fans“, sagt Andreas Buhrmann, Sprecher der Deutschen Bahn. Recht hat er. Was in der Theorie romantisch klingt, nach einem verträumten Blick aus dem Fenster auf die Weinberge Südfrankreichs, nutzt in der Praxis kaum jemand. Laut einer Umfrage reisten über die Hälfte der befragten Deutschen 2018 mit dem Flieger an ihr Urlaubsziel, weniger als acht Prozent nutzten die Bahn. „Fridays for Future“ und CO2 -Steuer-Diskussion werden daran auch dieses Jahr nicht viel geändert haben.

Preisvergleich bei der Bahn ist schwierig

Das liegt nicht nur an der Zeitersparnis und den Preisen. Das Problem der Schiene beginnt früher. Bevor der Lissabon-Reisende sich an Gleis 7 in den Thalys setzt, muss die Reise gebucht werden. Im Gegensatz zu mindestens zehn bekannten Flug-Vergleichsportalen im Internet gibt es keine vergleichbare Übersicht über die Angebote nationaler Bahnbetreiber. In vielen Ländern gibt es wie in Deutschland einen Monopolisten, nur einzelne Strecken werden von Privatbahnen befahren – also gibt es kaum Konkurrenz, die einen Preisvergleich lohnt.

Die Deutsche Bahn wirbt mit Verbindungen in 150 europäische Städte, die sie aus Deutschland selbst oder in Kooperation erreicht. Auf vielen Strecken bietet sie ein Sparpreis-Kontingent, mit dem man theoretisch für 19,90 Euro nach London reisen könnte.

Will man von diesen Orten aber weiterfahren, sind Buchung und Preisauskunft über die Internetseite der Deutschen Bahn nicht möglich. Die Züge einzeln über die verschiedenen Seiten der nationalen Bahngesellschaften zu buchen, ist aufwendig. Verpasst man bei Verspätung einen Anschlusszug, verfällt unter Umständen das Ticket. „Das ist alles viel zu kompliziert“, sagt Andreas Schröder vom Fahrgastverband Pro Bahn. „Fernbusse kriegen internationale Reisen schon besser hin.“ Zugbetreiber stünden hingegen noch in der Tradition der nur bis zur Grenze denkenden Staatsbahnen. Deshalb wünscht sich der Fahrgastlobby ein europäisches Portal, über das alle Fahrten bequem gebucht werden können.

Bliebe dennoch der Zeitfaktor. Wer eine Woche Urlaub hat, will nicht 48 Stunden davon im Zug oder am Bahnhof sitzen. „Wir empfehlen bei längeren Reisen Übernachtungen einzubauen und die Anreise schon zum Teil des Urlaubs zu machen“, sagt DB-Sprecher Bohrmann. Das ginge zum Beispiel gut mit den früher beliebten Interrail-Tickets.

Für Schröder vom Fahrgastverband liegt die Lösung noch woanders: „Der Nachtzug ist eine tolle Reise-Alternative zum Fliegen.“ Bei dem Thema gerät er ins Schwärmen. „Nachtzüge sind komfortabler, zeitsparend und ein tolles Erlebnis.“ Leider habe die Deutsche Bahn ihre „City Night Line“ – Züge mit Schlaf- und Liegewagen – Ende 2016 eingestellt. Vorher habe das Unternehmen jahrelang nicht mehr in die Züge investiert – bis sie immer weniger Menschen benutzen wollten und sie nicht mehr rentabel waren.

Nun haben die Menschen drei Jahre später plötzlich „Flugscham“ und die Bahn biete keine komfortable Reisemöglichkeit mehr für lange Strecken. Anders sieht es in den Nachbarländern Österreich und der Schweiz aus. Die Bahngesellschaften SBB und ÖBB bauen ihr Nachtzug-Netz gerade aus, sie haben für nächstes Jahr neue europäische Verbindungen angekündigt. Ob es sich lohnt, auch Deutschland wieder stärker einbinden, prüfen die Gesellschaften zurzeit noch.

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