Zwischen Fiktion und Information | Kölner Stadt-Anzeiger

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Zeichenbrett, Tuschkasten und Lineal zählen in der Regel nicht zu den gängigen Arbeitsutensilien eines Journalisten. Für das Subgenre des Comic-Journalismus sind sie jedoch unerlässlich. Hier treffen zarte Skizzen, bunte Farben und galante Pinselstriche auf harte journalistische Kriterien. Am Ende steht ein journalistisches Produkt, dem in Deutschland aber immer noch mit Skepsis begegnet wird. Das Interesse wächst jedoch.

Das Genre zeichne sich vor allem durch seine Verbindung von Information und Kunst aus, sagt Lilian Pithan vom Deutschen Comicverein. Für die freiberufliche Journalistin, die seit 2017 regelmäßig an Comic-Projekten beteiligt ist, besteht der Reiz auch im künstlerischen Anspruch, der den Comic-Journalismus vom traditionellen unterscheidet. „Im Idealfall handelt es sich dabei um eine Symbiose, bei der Kunst und Information ineinandergreifen, beides gleichberechtigt ist und das eine nicht zugunsten des anderen zu kurz kommt“, erklärt Pithan.

Das Interesse am Comic-Journalismus sei besonders in den vergangenen zwei Jahren gestiegen. Pithan erklärt sich das so: „Im Journalismus wird seit langer Zeit nach neuen Formen und Möglichkeiten gesucht, Informationen interessant aufzuarbeiten und ein neues Publikum zu erreichen. Der Comic ist dafür ein weiteres Mittel“. Das Genre kann zudem etwas leisten, was anderen journalistischen Formen kaum möglich ist: etwa Interviewpartner zeigen, die anonym bleiben möchten.

Auch vergangene Ereignisse oder Erinnerungen, die keine Kamera einfangen kann, ermöglichen den Lesern durch die Zeichnung einen anderen Zugang zu solchen schwer darstellbaren Aspekten einer Geschichte. Entsprechende Passagen eines Comicstrips, die ein Journalist nicht direkt beobachten konnte, müssten jedoch kenntlich gemacht werden, sagt die Comic-Expertin. „Die Zeichnungen müssen sich an realen Gegebenheiten orientieren, Zitate dürfen nicht verfälscht werden, Ort und Zeit müssen klar dokumentiert werden“, betont Pithan. Die Einhaltung solcher Kriterien mache schließlich den Unterschied zwischen Journalismus und Fiktion aus.

Doch dem Comic-Journalismus sind auch Grenzen gesetzt. Neben der Recherche benötigt vor allem die Produktion der Zeichnungen viel Zeit. Tagesaktuelle Geschehnisse und Nachrichten eignen sich daher kaum für einen Comicstrip, wie Pithan erläutert. Beliebt sind hingegen kleinere Formate wie Kolumnen oder Kommentare – aber auch die Reportage ist populär.

Joe Sacco gilt als Pate der Comic-Reportage. Im Gegensatz zu den meisten seiner Kollegen zeichnet der maltesisch-amerikanische Journalist seine Reportagen selbst. Sein Werk „Bis zum letzten Tropfen Öl“ aus dem Jahr 2015 ist noch bis zum 25. August 2019 in der Ausstellung „Zeich(n)en der Zeit. Comic-Journalismus weltweit“ im Berliner Museum für Kommunikation zu sehen. Pithan wirkte als Kuratorin an der Schau mit.

Der Leser wird Zeuge, wie Sacco in dieser zehnseitigen Reportage das kanadische Örtchen Fort McMurray besucht, wo Raffinerien aus Ölsand Bitumen gewinnen, das vorrangig im Straßenbau zum Einsatz kommt. Der Journalist tritt dabei selbst als Comic-Figur auf, dokumentiert Umweltzerstörung und Gier, spürt aber auch positiven Effekten nach, die die Menschen in Fort McMurray durch den Bitumen-Abbau genießen. Saccos Werk demonstriert die Vorzüge des Genres – zeigt Gegenwart und Zukunft, einen ehrlichen Insider, der sein Gesicht wohl niemals in eine Kamera gehalten hätte, und schafft durch die Darstellung vieler erzählerischer Ebenen eine Reportage, die im Kopf bleibt. (kna)

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